Liebe Besucher,
es gibt Ereignisse, die sprachlos machen können. Menschen, denen Humanismus und Vernunft etwas bedeutet, sind im ersten Moment verständlicherweise sprachlos angesichts des unfassbaren Wahlergebnisses vom 28. September bei der österreichischen Nationalratswahl. Österreich hat einen extremen Rechtsruck erfahren, wie internationale Medien verlauten. Während – man kann zu ihr stehen, wie man will – eine intelligente Sachpolitikerin wie Heide Schmidt mit 1, 9 % abgefertigt wird, feierten rechtspopulistische Parteien große Erfolge. Während die Grünen kaum 10 % erreichten, wird die haiderische „Phantompartei“ zu einer stabilen Bewegung. Selbst in Salzburg, wo auf Landesebene keine Strukturen existieren, wählten über 10 % das BZÖ. Das Wahlergebnis ist vorerst einmal zu akzeptieren und zur Kenntnis zu nehmen. Aber es darf Befremden darüber geäußert werden, das ein Teil der Mitösterreicher Hetztiraden, Bierzeltreden und einfache Antworten höchst attraktiv findet.
In den Foren der Printmedien, die vornehmlich von besser Gebildeten frequentiert werden, drohen viele Menschen mit dem Auswandern. Das ist keine Lösung. Ein Problem Österreichs ist es, dass jene, die höhere Ansprüche stellen, nicht laut genug sind, sich aus Diskussionen zurückziehen, und Österreich aufgegeben haben. Das fängt bei den großen Intellektuellen an, und hört bei achselzuckenden Studenten auf, die kaum mehr zu Großdemonstrationen zu bewegen sind.
Ich selbst habe vor einiger Zeit wegen zeitlicher Probleme und auch aufgrund Demotivation das doch recht erfolgreiche Blog „Liberal in Austria“, das teilweise sogar in Printmedien zitiert wurde, gelöscht. Der anschließende Kurznachfolger „Liberal weekend“ konnte meine eigenen Ansprüche nicht erfüllen. Der 28. September hat mir nun nicht nur die Augen geöffnet, an was es in unserem Land mangelt, nämlich Engagement und Durchhaltvermögen, sondern mich auch neu motiviert, „Liberal in Austria“, nun als „Liberal in Österreich“ – liboe.wordpress.com – wiedereinzuführen. Mag meine einzelne Stimme Österreich nicht verändern, soll dieses Blog aber die Möglichkeit eröffnen, zu diskutieren, zu kommentieren. Ein reaktionäres Land benötigt vor allem eine kritische Diskussionskultur, einen offenen Diskurs verschiedenster Meinungen, und sei es nur, um Menschen zum Nachdenken zu bewegen.
Ich lade Sie damit ein, der Neuauflage von „Liberal in Österreich“ beizuwohnen, und dem Blog zur alten Stärke zu verhelfen. Ich hoffe natürlich, die ursprüngliche Qualität von „Liberal in Austria“ erreichen zu können, von der großen Beliebtheit des Vorbilds wird vorerst nur geträumt.
Es ist Zeit, gegen jene Kräfte und Phänomene vorzugehen, die die Zukunft und das Ansehen unseres Landes gefährden, mit der wertvollsten Waffe des mündigen Individuums: Mit dem gesprochenen und geschriebenen Wort. Mehr gibt es in den nächsten Tagen.
In diesem Sinne,
Philip
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welcome back. der streit wurde vermisst.
Freut mich, dass du wieder zurückbist.
„Aber es darf Befremden darüber geäußert werden, das ein Teil der Mitösterreicher Hetztiraden, Bierzeltreden und einfache Antworten höchst attraktiv findet.“
Natürlich ist die Stärkung des Dritten Lagers höchst unerfreulich. Ebenso unerfreulich ist die unverbesserliche Ignoranz, mit der einige schon wieder daran arbeiten, eben jene Regierungsform, die uns das Ausmaß des Protests überhaupt eingebrockt hat, als fortführende Koalition der Verlierer zu installieren.
Wer sich ob der politischen Entwicklung in diesem Land wirklich besorgt zeigt – und du, Philip, gehörst da meiner Einschätzung nach dazu – sollte seine Energie darauf verwenden, die richtigen Schlussfolgerungen aus der Vertracktheit der Situation zu ziehen: Eine Neuauflage der großen Koalition wäre meiner Meinung nach das denkbar schlechteste Signal. Demokratiepolitisch höchst problematisch, weil man den Wählern damit signalisieren würde, dass sie wählen können, was sie wollen, weil die politischen Akteure doch immer wieder großkoalitionär packeln werden. Und nach einer weiteren Legislaturperiode Rot-schwarz müssten wir uns dann womöglich schon mit dem Gedanken an einen Kanzlerkandidaten aus dem Dritten Lager anfreunden. Prost, Mahlzeit.
Auf meinem Blog argumentiere ich unter anderem, warum moralische Hyperventilation Marke Häupl die denkbar schlechteste Reaktion auf das Wahlergebnis ist: http://wahlen2008.blogspot.com/
Willkommen zurück, wenngleich ich breitere, herausforderndere und größere Ideen zur Belebung des Liberalen in diesem Land noch mehr begrüßen würde. Angesichts der kommenden wirtschaftlichen Lage bin ich dafür, dass die Wahlsieger auch die Regierungsverantwortung übernehmen. In spätestens zwei Jahren ist der Spuk dann vorbei und Österreich bekommt eine linksliberale Regierung, die den wiederkommenden Aufschwung zur Umsetzung der notwendigen Bildungs-, Sozial- und Wirtschaftspolitik nützen kann. Im Falle einer Großen Koalition wirds wieder nur eine Protestwahl, bei welcher die Linken und Liberalen am Agendasetting scheitern und die sich unzulänglich informierenden Proteststimmen nicht bekommen werden. Meiner Meinung nach ist das geringste mittel- bis langfristige Übel ein kurzfristiges Scheitern einer Mitte-Rechts-Koalition.
P.S.: Rot-Schwarz-Grün halte ich für die Grünen eher nicht zielführend, Rot-Grün-Orange werden die Grünen nicht mitmachen.
@LAN: Ich befürchte, bei einer Rot-Schwarzen-Koalition würden die rechten Parteien noch mehr dazu gewinnen. Vielleicht sollte man wirklich eine Harakiri-Aktion machen und Rot-Blau forcieren, wobei sich die Blauen naturgemäß selbst dezimieren würden.
Von einer Rot-Schwarz-Grün-Koalition ist den Grünen abzuraten, dennsie würden wohl zerieben werden. Die Zeit der Grünen in der Regierung wird noch kommen.
Die Neuauflage deines Blogs freut mich sehr muss ich sagen, da ich hier früher schon immer wieder gerne gelesen habe!